WASHINGTONIUM – Am ehrwürdigen Tag der Kindergesundheit trat Imperator Donaldus Trumpius Maximus Caesar vor die goldenen Säulen des Weißen Palatiums und verkündete eine Botschaft, die selbst Hippokrates vermutlich dazu gebracht hätte, vorsichtshalber noch einmal seinen Beipackzettel zu lesen.
Die Kinder Amerikas, erklärte der Caesar, seien schließlich die Zukunft des Imperiums. Und eine Zukunft könne unmöglich großartig werden, wenn sie hauptsächlich auf dem Sofa sitze, bunte Snacks esse und dabei auf sechs Bildschirmen gleichzeitig Videos anschaue, in denen andere Menschen bunte Snacks essen.
Trumpius blickte deshalb mit kaiserlicher Sorge auf die gesundheitlichen Probleme des Nachwuchses. Übergewicht, Diabetes, Allergien, Autoimmunerkrankungen und psychische Belastungen seien häufiger geworden. Auch Autismus erwähnte die kaiserliche Botschaft in dieser Aufzählung – wobei der Palast natürlich vorsichtig sein muss: Medizinische Zusammenhänge lassen sich nicht dadurch klären, dass der Imperator sie mit besonders großer Schrift auf Pergament drucken lässt.
Doch genau deshalb, so verkündete Trumpius, werde jetzt geforscht.
Und zwar nicht irgendwie.
Mit Gold Standard Science.
Normaler Wissenschaft fehlte offenbar bislang das Edelmetall.
Fortan dürfen Erkenntnisse im Imperium vermutlich erst dann als Erkenntnisse gelten, wenn sie wissenschaftlich geprüft, ordentlich abgestempelt und anschließend von einem Zenturio mit goldener Toga auf einem Samtkissen in den Ovalen Tempel getragen wurden.
Make Pueri Healthy Again!
Herzstück der imperialen Offensive ist die Strategie „Make Pueri Healthy Again“, ausgearbeitet von der ehrwürdigen Commissio Magna Sanitatis Americanae.
Der Maßnahmenkatalog ist gewaltig.
Prävention soll gestärkt werden. Forschung soll Krankheiten besser verstehen. Bewegung soll gefördert werden. Bildschirmzeit soll sinken. Und künstliche Farbstoffe sollen aus Lebensmitteln verschwinden.
Letzteres sorgte im kaiserlichen Senat für erhebliche Unruhe.
Denn jahrzehntelang galt in Amerika die eiserne Ernährungsregel: Je stärker ein Frühstücksprodukt im Dunkeln leuchtet, desto wahrscheinlicher befindet sich irgendwo auf der Verpackung ein Comic-Tiger.
Damit soll nun Schluss sein.
Trumpius Caesar erhebt sich gegen die chemische Regenbogenlegion.
Einige Frühstücksflocken beantragten daraufhin politisches Asyl in Kanada.
Andere versuchten noch in derselben Nacht, ihre Identität zu ändern und sich als Vollkornmüsli auszugeben.
Das Tablet wird zum Staatsfeind
Besondere Aufmerksamkeit widmet der Palast außerdem der körperlichen Bewegung.
Kinder sollen wieder laufen.
Draußen.
Mit Beinen.
Eine revolutionäre Technologie, die bereits im antiken Rom erfolgreich getestet worden sein soll.
Auch die Bildschirmzeit soll begrenzt werden. Im Palast wird bereits darüber diskutiert, Smartphones für Minderjährige durch Holzstöcke, Fahrräder und jene geheimnisvollen kugelförmigen Geräte zu ersetzen, die ältere Generationen noch unter der historischen Bezeichnung „Bälle“ kennen.
Erste Kinder sollen entsetzt festgestellt haben, dass diese Geräte weder WLAN noch einen Ladeanschluss besitzen.
Noch erschreckender: Man muss sie selbst bewegen.
Kennedius und die Zutatenrollen des Imperiums
Der kaiserliche Gesundheitsgelehrte Robertus F. Kennedius Junior Maximus, Hohepriester des Gesundheitsforums und Großmeister der Zutatenrollen, soll unterdessen sämtliche Speisekammern des Reiches inspizieren.
Gerüchten zufolge reicht mittlerweile das Wort „Farbstoff“ aus, damit irgendwo in Washingtonium nervös eine Zutatenliste umgedreht wird.
Lebensmittelkonzerne arbeiten deshalb bereits an neuen Verpackungsformulierungen.
Aus „künstlichem Aroma“ könnte künftig „traditionelle patriotische Geschmacksunterstützung“ werden.
Aus „Farbstoff“ wird „optische Freiheitsverstärkung“.
Und Zucker heißt selbstverständlich künftig nur noch „essbare Energieunabhängigkeit“.
Damit dürfte zumindest die Etikettenkrise gelöst sein.
Die Goldene Wissenschaft
Doch Trumpius möchte mehr.
Eltern sollen zuverlässige Informationen bekommen und ihre Entscheidungen auf Grundlage der besten verfügbaren Wissenschaft treffen.
Im Weißen Palatium heißt diese allerdings nicht einfach Wissenschaft.
Sie heißt Gold Standard Science.
Das klingt deutlich majestätischer und hat außerdem den Vorteil, dass normale Forschung plötzlich wirkt wie etwas, das man im Sonderangebot neben einer Autobahntankstelle kaufen könnte.
Die neue imperiale Wissenschaft muss selbstverständlich objektiv, überprüfbar und zuverlässig sein.
Vermutlich erhält jede Studie künftig zusätzlich ein goldenes Siegel mit der Aufschrift:
SCIENTIA MAXIMA – vom Caesar sehr stark angeschaut.
Peer Review war gestern.
Jetzt kommt Imperial Review.
Der gesündeste Caesar aller Zeiten
Besonders majestätisch wurde die Botschaft, als Trumpius auf positive gesundheitliche Entwicklungen im Reich verwies und diese selbstverständlich in unmittelbarer Nähe seiner eigenen Regentschaft platzierte.
Denn im Imperium gilt eine bewährte politische Naturregel:
Steigt etwas Gutes, war es Trumpius.
Sinkt etwas Schlechtes, ebenfalls.
Bleibt etwas unverändert, hat Trumpius verhindert, dass es unter einem anderen Caesar katastrophal schlechter geworden wäre.
Und existierte etwas bereits vorher, wurde es rückwirkend unter seiner Führung erfunden.
So entsteht aus Gesundheitspolitik schließlich echte kaiserliche Statistik.
Doch hinter all dem imperialen Goldstaub steckt immerhin ein ziemlich vernünftiger Kern: Kinder sollen gesund aufwachsen, Eltern sollen verlässliche medizinische Informationen erhalten, Krankheiten sollen besser erforscht, Vorsorge verbessert und Bewegung gefördert werden.
Nur Trumpius Caesar wäre nicht Trumpius Caesar, wenn daraus einfach ein nüchternes Gesundheitsprogramm würde.
Nein.
Es muss eine historische Mission sein.
Ein Feldzug.
Eine Wiedergeburt.
Ein goldenes Zeitalter gesunder Pueri Americani, in dem Kinder Gemüse essen, draußen spielen und medizinische Forschung triumphiert, während künstliche Farbstoffe gefesselt durch das Forum Washingtonium geführt werden.
Die Geburt des Trumpccoli
Und so endet die kaiserliche Botschaft mit dem Versprechen, Amerikas Kinder wieder gesund zu machen.
Im Palast gilt der Sieg selbstverständlich bereits als nahezu vollendet.
Die Farbstoffe sind eingeschüchtert.
Die Tablets stehen unter Beobachtung.
Der Apfel wurde rehabilitiert.
Und Brokkoli wartet nur noch auf seine endgültige sicherheitspolitische Einstufung.
Denn Trumpius Caesar will nicht einfach gesündere Kinder.
Er will die gesündesten Kinder, die jemals Kinder gewesen sind.
Kinder, so gesund, dass Ärzte beim Betreten des Untersuchungszimmers ehrfürchtig salutieren.
Kinder, deren Fitnessuhren bereits beim Einschalten „HISTORISCH!“ melden.
Kinder, neben denen selbst ein römischer Legionär aussieht, als benötige er dringend eine Mutter-Kind-Kur.
Und sollte die Wissenschaft eines Tages tatsächlich feststellen, dass bessere Ernährung, mehr Bewegung, weniger Bildschirmzeit und gute medizinische Versorgung Kindern guttun, wird Trumpius Caesar feierlich vor die goldenen Säulen des Palastes treten, beide Hände ausbreiten und verkünden:
„Niemand wusste vor mir, dass Kinder gesund sein sollten. Niemand. Ich habe Gesundheit praktisch erfunden.“
Anschließend wird Brokkoli zum nationalen Heiligtum erklärt.
Natürlich erst, nachdem man ihn gold lackiert, mit einem kaiserlichen Qualitätssiegel versehen und in „Trumpccoli“ umbenannt hat.
Und spätestens am nächsten Morgen wird das Weiße Palatium verkünden:
Trumpius Caesar hat das Gemüse erfunden.
Das gesündeste Gemüse aller Zeiten.
Viele Ärzte sagen das.

