Im Jahre des Herrn, des großen Atlantiks und der historisch vollkommen korrekten kaiserlichen Rückschau hat Imperator Donaldus Trumpius Caesar verfügt, dass Christophorus Columbius nicht bloß ein Seefahrer gewesen sei. Nein. Er war offenbar eine Mischung aus Entdecker, Staatsgründer, Kulturtransporter, theologischer Außenstelle und vorgezogener amerikanischer Verfassungsvater – und das alles mehrere Jahrhunderte, bevor irgendjemand überhaupt wusste, dass es die Vereinigten Staaten einmal geben würde.
Eine beeindruckende Karriereplanung.
Vor mehr als fünf Jahrhunderten, so verkündet der kaiserliche Hof, sei Christophorus Columbius Maximus Navigatus westwärts über unbekannte Gewässer gezogen und habe dort praktischerweise die Neue Welt entdeckt. Dass dort bereits Menschen lebten, wurde in der imperialen Geschichtsbuchhaltung offenbar unter „bereits vorhandene Infrastruktur“ verbucht.
Mit drei Schiffen – der Ninia Minor, der Pinta Gloriosa und der Sancta Maria Maxima – segelte Columbius über den Atlantik. Wochenlang Sturm, Unsicherheit, schlechte Verpflegung und vermutlich kein funktionierendes WLAN. Dennoch hielt der große Navigator Kurs. Vor allem deshalb, weil Umkehren schlecht ausgesehen hätte, wenn Jahrhunderte später ein Präsident daraus eine Proklamation schreiben wollte.
Schließlich erreichte die Expedition Inseln der heutigen Bahamas und glaubte zunächst, Asien gefunden zu haben.
Eine geografische Fehlannahme, die im Trumpius-Reich nicht etwa als Irrtum gilt, sondern als visionäre alternative Navigation.
Denn kaum war Columbius irgendwo angekommen, begann nach kaiserlicher Darstellung praktisch sofort die gesamte Erfolgsgeschichte der westlichen Zivilisation. Wissen breitete sich aus, Horizonte wurden größer, Geschichte nahm Fahrt auf, Jamestown erschien geistig bereits am Horizont, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung schrieb sich beinahe von selbst – und irgendwo im Hintergrund spielte wahrscheinlich schon ein Adler auf einer Trompete.
Besonders ehrfürchtig erinnert der Palast daran, dass Columbius ein Kreuz errichtete und damit sowohl Gott als auch dem spanischen Königshaus zeigte, wem das gerade entdeckte beziehungsweise bereits bewohnte Land nun nach europäischer Lesart gehörte.
Kaiserlich effizient: erst ankommen, dann beschildern.
Trumpius Caesar geht jedoch noch weiter. Für ihn ist Columbius nicht einfach eine historische Figur, sondern ein legendärer Ur-Amerikaner mit spanischem Auftrag, italienischer Herkunft und mehreren Jahrhunderten zeitlichem Vorsprung.
Aus dessen Fahrt, heißt es sinngemäß, habe sich eine Dynamik entwickelt, die später zur „größten, freiesten und gerechtesten Nation der Geschichte“ geführt habe.
Historiker nennen so etwas gern komplexe Entwicklungslinien.
Der kaiserliche Hof nennt es: direkte Verbindungslinie mit goldener Autobahnmarkierung.
Um sicherzustellen, dass niemand diese Version der Geschichte übersehen kann, ließ Trumpius Caesar sogar eine Statue des Columbius auf dem Gelände des Weißen Palastes aufstellen. Eine Nachbildung jener Statue, die einst in Baltimore stand, später gestürzt und ins Hafenwasser geworfen wurde.
Für Trumpius war klar: Was andere im Hafen versenken, wird bei ihm dekorativ vor die Haustür gestellt.
Das nennt man im Reich nicht Denkmalpolitik.
Das nennt man historisches Pfandflaschenprinzip.
Auch die Italo-Amerikaner werden feierlich in den imperialen Festakt aufgenommen. Ihre Liebe zu Familie, Glauben und Heimat wird mit Columbius verbunden, sodass der ganze Feiertag schließlich eine monumentale Mischung aus Seefahrt, Religion, Einwanderungsgeschichte, Nationalmythos und sehr viel Marmor wird.
Sogar Pontifex Leo Tertius Decimus wird als Kronzeuge aus dem vatikanischen Archiv geholt, um noch einmal zu bestätigen, dass Columbius Geist und Herz von außergewöhnlicher Größe besessen habe.
Damit ist die Beweislage für den Palast praktisch abgeschlossen.
Papst zitiert.
Statue aufgestellt.
Flaggen gehisst.
Geschichte erledigt.
Und so erhebt Imperator Donaldus Trumpius Caesar kraft seiner verfassungsmäßigen Gewalt den großen Columbus-Tag erneut zum offiziellen Feiertag. Fahnen sollen wehen, Zeremonien stattfinden und Bürger würdevoll jener Reise gedenken, bei der ein Mann nach Asien segelte, in der Karibik landete und Jahrhunderte später posthum zum inoffiziellen Projektleiter der amerikanischen Staatsgründung befördert wurde.
Im Trumpius-Reich ist Geschichte eben kein kompliziertes Geflecht aus Entdeckungen, Konflikten, Gewalt, Austausch, Migration und widersprüchlichen Folgen.
Geschichte ist viel einfacher.
Es gibt Helden.
Es gibt Statuen.
Es gibt Flaggen.
Und wenn irgendetwas dazwischen nicht in die Erzählung passt, wird es entweder feierlich übergangen oder bekommt später eine eigene Proklamation.
Denn unter Trumpius Caesar gilt nun endgültig:
Wer versehentlich den falschen Kontinent findet, kann trotzdem alles richtig gemacht haben – vorausgesetzt, einige Jahrhunderte später steht die passende Statue im Vorgarten des Kaisers.

