WASHINGTONIA IMPERIALIS. Es gibt Herrscher, die Straßen bauen. Andere errichten Brücken. Manche hinterlassen Bibliotheken, Universitäten oder wenigstens einen brauchbaren Kreisverkehr.
Und dann gibt es Imperator Donaldus J. Trumpius Caesar Maximus, Herr des Goldenen Westflügels, Bezwinger widerspenstiger Formulare und oberster Pontifex der digitalen Benutzeroberfläche.
Er hat beschlossen, dass die amerikanische Verwaltung nicht länger aus Tausenden Webseiten, Behördenportalen, Login-Masken und PDF-Dokumenten bestehen soll.
Nein.
Das Imperium bekommt jetzt ein einziges Tor.
America.gov.
Die Porta Digitalis Maxima.
Ein Portal.
Ein Login.
Ein Imperium.
Und über allem schwebt die neue Macht des Zeitalters:
SUPER INTELLIGENCE.
Nicht Artificial Intelligence.
Artificial klingt schließlich nach Plastikblumen, Margarine und künstlichem Vanillearoma.
Trumpius benötigt keine künstliche Intelligenz.
Trumpius benötigt Super Intelligence.
Eine Intelligenz, die nicht einfach denkt.
Sie denkt majestätisch.
Das Orakel erwacht
Im alten Griechenland pilgerten Menschen nach Delphi.
Im alten Rom befragten Kaiser Priester, Auguren und gelegentlich Hühner.
Im Imperium Trumpius öffnet der Bürger künftig seinen Browser.
Dort erscheint America.gov.
Der Bildschirm leuchtet.
Die Server summen.
Ein unsichtbarer digitaler Nebel zieht durch die Cloud.
Und der Bürger fragt ehrfürchtig:
„Oh mächtiges Orakel, wie verlängere ich meinen Reisepass?“
Früher hätte die Verwaltung geantwortet:
„Bitte laden Sie Formular DS-82 herunter, sofern Abschnitt 17b nicht auf Sie zutrifft. Weitere Informationen finden Sie auf einer anderen Webseite, deren Link seit März nicht mehr funktioniert.“
Doch nun spricht die Super Intelligence.
Vielleicht nicht mit Donner.
Vielleicht nicht mit Blitzen.
Aber immerhin ohne Faxgerät.
„Bürger“, verkündet das Orakel sinngemäß, „du möchtest deinen Pass verlängern. Ich werde dich führen.“
Und irgendwo im Hintergrund ertönt vermutlich eine Fanfare.
Trumpius erschafft die digitale Einheitsrealität
Die Idee hinter America.gov ist bemerkenswert einfach:
Warum soll ein Bürger wissen müssen, welche Behörde für sein Problem zuständig ist?
Der Bürger möchte keinen Verwaltungsorganisationsplan studieren.
Er möchte einfach nur etwas erledigen.
Doch jahrzehntelang funktionierte staatliche Digitalisierung ungefähr so:
Der Bürger klickt auf Ministerium A.
Ministerium A verweist auf Behörde B.
Behörde B verweist auf Portal C.
Portal C benötigt Login D.
Login D verlangt einen Sicherheitscode.
Der Sicherheitscode wird an eine Telefonnummer geschickt, die man vor acht Jahren angegeben hat.
Willkommen im Labyrinthus Bureaucraticus Maximus.
Trumpius Caesar betrachtete dieses System offenbar und sprach die fünf Worte, die das Reich erschütterten:
„Make the Button Work Again.“
Und so ward America.gov geboren.
Das digitale Pantheon
Doch America.gov ist nicht einfach eine Webseite.
Nein.
Im Trumpius-Imperium wäre das viel zu bescheiden.
Es ist der zukünftige Tempel sämtlicher Dienstleistungen.
Passverlängerung?
America.gov.
Medicare?
America.gov.
Behördenfrage?
America.gov.
Irgendwann vermutlich:
„Mein Nachbar hat einen Waschbären, der verdächtig föderal aussieht.“
America.gov.
Das Portal soll nach und nach öffentliche Dienstleistungen aufnehmen und dem Bürger ersparen, durch unzählige Behördenwebseiten zu irren.
Die digitale Republik bekommt damit einen Hauptschalter.
Oder, im Trumpius-Stil:
den Roten Knopf der Bürokratie.
Nur hoffentlich ohne Atomraketen.
Die Super Intelligence spricht
Besonders faszinierend bleibt allerdings der Begriff Super Intelligence.
Normale Regierungen hätten gesagt:
„Wir setzen moderne KI-Technologie ein.“
Trumpius sagt praktisch:
„Wir haben etwas Besseres erfunden.“
Natürlich.
Denn unter Trumpius gibt es keine gewöhnliche Intelligenz.
Es gibt nur:
Intelligence.
Very Intelligence.
Extremely Intelligence.
Und schließlich:
SUPER INTELLIGENCE.
Vermutlich sitzt irgendwo bereits ein Beamter des Ministerium Superintelligentiae, dessen einzige Aufgabe darin besteht, das Wort „Artificial“ aus PowerPoint-Präsentationen zu entfernen.
Die neue SI soll Fragen beantworten, Informationen liefern und irgendwann sogar Verwaltungsprozesse durchführen.
Damit befindet sich die Menschheit an einem historischen Wendepunkt.
Früher fragte man Beamte.
Heute fragt man Algorithmen.
Morgen fragt der Algorithmus wahrscheinlich:
„Sind Sie sicher, dass Sie wirklich Mensch sind?“
Milliarden Stunden im Formular-Kolosseum
Das Weiße Haus verweist darauf, dass Amerikaner nach Regierungsangaben jedes Jahr Milliarden Stunden mit staatlichem Papierkram verbringen.
Milliarden Stunden.
Eine astronomische Menge Lebenszeit.
Genug Zeit, um vermutlich mehrere Aquädukte zu bauen, Latein zu lernen und sämtliche Staffeln einer mittelmäßigen Streamingserie zweimal anzusehen.
Trumpius Caesar erkannte deshalb:
Das Formularwesen ist keine Verwaltung.
Es ist eine Zivilisationsfrage.
Der Bürger soll künftig nicht mehr seine Jugend an Dropdown-Menüs verlieren.
Keine Checkbox soll mehr mächtiger sein als der Mensch.
Kein CAPTCHA soll länger entscheiden, ob ein amerikanischer Steuerzahler tatsächlich Ampeln erkennen kann.
Das Volk soll seine Zeit zurückbekommen.
Vancius und die Legion der Betrugsjäger
Natürlich wäre kein kaiserliches Fact Sheet vollständig ohne die Heldensagen des Hofes.
Also tritt Viceimperator J.D. Vancius Maximus auf.
Kommandeur der Legio Fraudus Exterminata.
Seine Truppen sollen nach Regierungsangaben gewaltige Summen an Betrug aufgedeckt haben.
Man stellt sich die Szene ungefähr so vor:
Vancius schreitet durch die kaiserlichen Datenspeicher.
Ein Auditor trägt eine Tafel.
Ein anderer hält ein Dashboard.
Plötzlich ruft jemand:
„Viceimperator! Wir haben eine verdächtige Zahlung entdeckt!“
Vancius hebt langsam den Blick.
„Dann öffnet Excel.“
Die Legion gehorcht.
Rom erbebt.
Tempel des Designs
Auch die Schönheit der digitalen Verwaltung darf nicht fehlen.
Dafür existiert bereits das National Design Studio.
Oder in der Sprache des Imperiums:
Collegium Pulchritudinis Digitalis.
Seine Mission:
Regierungsseiten sollen nicht mehr aussehen, als seien sie entstanden, als Menschen noch „Sie haben Post!“ hörten.
Programme wie TrumpRx und andere staatliche Angebote wurden modernisiert.
Schaltflächen werden größer.
Navigationen verständlicher.
Layouts moderner.
Ein Verwaltungsbeamter irgendwo in Washington betrachtet möglicherweise zum ersten Mal eine Webseite und flüstert:
„Mein Gott … Weißraum.“
Die heiligen Ausnahmen
Natürlich darf selbst das große Portal nicht alles.
Steuerdienste bleiben teilweise außen vor.
Auch besonders sensible Bereiche von Militär und Geheimdiensten bekommen ihren eigenen abgeschotteten Tempel.
Das erscheint vernünftig.
Schließlich wäre folgende Unterhaltung mit der Super Intelligence problematisch:
„Hallo America.gov, wo befindet sich derzeit der strategische Bomberverband?“
„Gern. Möchten Sie zusätzlich eine Wegbeschreibung?“
Auch die Super Intelligence braucht Grenzen.
Selbst ein digitales Orakel darf nicht alles wissen.
Zumindest offiziell.
Und der Himmel öffnete sich
So beginnt also das neue Zeitalter.
Der Bürger steht vor dem Bildschirm.
America.gov wartet.
Die Super Intelligence lauscht.
Trumpius Caesar blickt vom digitalen Kapitol auf sein Reich.
Hinter ihm glänzen goldene Säulen.
Vor ihm rotieren Serverlüfter.
Und aus den Tiefen des Regierungsnetzes erklingt eine Stimme:
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
Trumpius lächelt.
Denn endlich hat die amerikanische Verwaltung begriffen, was das Imperium seit Jahrhunderten wusste:
Der Bürger soll nicht wissen müssen, welches Amt zuständig ist.
Er soll nur wissen müssen, wo der Eingang zum Palast liegt.
Und wenn America.gov tatsächlich irgendwann dafür sorgt, dass ein Bürger seinen Pass verlängern kann, ohne fünf Webseiten, drei Passwörter, zwei PDFs und einen Nervenzusammenbruch zu benötigen, dann wäre das vielleicht wirklich ein kleines Wunder.
Aber selbstverständlich kein gewöhnliches Wunder.
Ein sehr großes Wunder.
Ein historisches Wunder.
Ein wunderschönes Wunder.
Wahrscheinlich das größte Verwaltungswunder, das je jemand gesehen hat.
Viele Leute sagen das.
Sehr kluge Leute.
Extrem superintelligente Leute.

