Aus dem Weißen Marmortempel zu Washingtonia erreichte das Imperium zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana eine Botschaft von solcher Feierlichkeit, dass vermutlich selbst die goldenen Adler über dem kaiserlichen Schreibtisch für einige Sekunden ehrfürchtig mit den Flügeln innehielten.
Imperator Donaldus Trumpius Caesar Maximus und seine erhabene Gemahlin Melania Imperatrix Elegantissima sandten der jüdischen Gemeinschaft im gesamten Imperium und weit darüber hinaus ihre herzlichsten Grüße zum Beginn des neuen Jahres.
Trumpius erinnerte daran, dass Rosch ha-Schana nach jüdischer Tradition an die Erschaffung von Adam und Eva und damit an den Beginn der Menschheitsgeschichte erinnert.
Eine bemerkenswerte historische Epoche, die also bereits mehrere Jahrtausende vor der Gründung von Trumpius Tower begonnen hatte.
Kaiserliche Chronisten sollen diese Information inzwischen bestätigt haben.
„Offenbar gab es tatsächlich Geschichte vor mir“, soll Trumpius nach unbestätigten Berichten festgestellt haben. „Sehr überraschend. Aber offensichtlich eine sehr lange Vorbereitung.“
Zwei Tage der Besinnung – sogar im Imperium
Rosch ha-Schana eröffnet die Hohen Feiertage und damit eine Zeit des Gebets, der inneren Einkehr, der Umkehr und der spirituellen Erneuerung vor Jom Kippur.
Der Kaiser zeigte sich von diesem Konzept außerordentlich beeindruckt.
Insbesondere das Nachdenken über eigene Fehler sei eine faszinierende Tradition.
Trumpius selbst verfüge allerdings, wie aus dem Palast verlautete, über nur begrenzte praktische Erfahrung auf diesem Gebiet.
Das Imperiale Amt für rückwirkend perfekte Entscheidungen stellte klar:
„Seine Majestät begeht selbstverständlich keine Fehler. Gelegentlich trifft lediglich die Realität Entscheidungen, die nicht ausreichend mit dem Kaiser abgestimmt wurden.“
Dennoch erklärte Trumpius Caesar die Idee der spirituellen Erneuerung zu einem Konzept von größter Bedeutung.
Am besten natürlich zu einer historischen spirituellen Erneuerung.
Vielleicht sogar zur größten spirituellen Erneuerung aller Zeiten.
„Niemand erneuert Glauben besser als wir“, hätte der Imperator vermutlich ergänzt, wenn die ursprüngliche Botschaft etwas länger gewesen wäre.
Kampf gegen Antisemitismus
Von größerer und völlig ernsthafter Bedeutung war jedoch die erneute Verpflichtung der Regierung, Antisemitismus entschieden entgegenzutreten.
Das Imperium, so verkündete Trumpius, werde den Schutz jüdischen Lebens und die Religionsfreiheit aller Bürger verteidigen.
Denn während der Kaiser bei fast jedem politischen Thema zuverlässig mindestens drei Superlative, zwei historische Vergleiche und eine Bemerkung über seine hervorragenden Wahlergebnisse unterbringen kann, gibt es Dinge, bei denen selbst das Kaiserreich keinen Platz für Spott lassen sollte.
Religiöse Freiheit gehört dazu.
Ebenso der Schutz von Menschen vor Hass und Verfolgung.
Das Ministerium für Glauben, Freiheit und außergewöhnlich große Verlautbarungen bestätigte deshalb, dass jeder Bürger seinen Glauben frei leben können müsse – unabhängig davon, ob er Synagogen, Kirchen, Moscheen oder andere Gotteshäuser besucht.
Natürlich unter dem aufmerksamen Blick der kaiserlichen Adler.
Das Buch des Lebens
Zum Abschluss wünschte Trumpius Caesar der jüdischen Gemeinschaft ein glückliches, gesundes und süßes neues Jahr.
Und selbstverständlich durfte auch die traditionelle Hoffnung nicht fehlen:
Möget ihr im Buch des Lebens eingeschrieben sein.
Im Palast soll daraufhin kurzzeitig leichte Unruhe entstanden sein.
Denn offenbar hatte niemand dem Kaiser vorher erklärt, dass es sich beim „Buch des Lebens“ nicht um eine Liste handelt, deren Rangfolge durch Einschaltquoten, Immobilienbesitz oder die Anzahl goldener Säle bestimmt wird.
Trumpius soll dennoch vorsorglich nachgefragt haben, ob sein Name bereits darin stehe.
Am besten natürlich sehr groß.
Ganz oben.
In Gold.
Die Verwaltung verwies darauf, dass hierfür eine höhere Instanz zuständig sei.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit soll im Weißen Marmortempel absolute Stille geherrscht haben.
Shana Tova.

