Wenn im Imperium Trumpianum ein Mann seliggesprochen wird, der einst mit Kreide, Tafel und Theologie Millionen Menschen vor den Fernseher brachte, darf natürlich eines nicht fehlen: eine kaiserliche Botschaft aus dem Palatium Album, damit auch zweifelsfrei dokumentiert ist, dass selbst der Himmel wichtige Ereignisse offenbar erst nach entsprechender Pressemitteilung zur Kenntnis nimmt.
So verkündeten Imperator Donaldus Trumpius Caesar Maximus und seine Gemahlin Melania Augusta Elegantissima, sie schlössen sich den Feierlichkeiten für Archiepiscopus Fultonius J. Sheenius an. Dieser katholische Geistliche habe einst etwas Revolutionäres vollbracht: Er nutzte moderne Medien, um Menschen Glaubensinhalte näherzubringen.
Mit anderen Worten: Sheenius verstand bereits Jahrzehnte vor Truth Social, dass eine Botschaft nur dann wirklich existiert, wenn sie über einen Bildschirm verbreitet wird.
Fultonius Sheenius – Influencer mit Kreide
Geboren wurde Fultonius auf den weiten Ebenen von Illinoia, lange bevor Ringlicht, Podcaststudio und algorithmische Empörung erfunden waren. Trotzdem verfügte er laut kaiserlicher Chronik über Intelligenz, Humor und außergewöhnliche Redekunst – drei Eigenschaften, deren gemeinsames Auftreten in politischen Fernsehsendungen inzwischen als historisches Naturphänomen gilt.
Nach seiner Priesterweihe lehrte, predigte und sendete Sheenius jahrzehntelang im Radio. Schließlich wurde er zum Weihbischof von Nova Eboracum ernannt.
Dann kam das Fernsehen.
Und plötzlich stand dort ein Geistlicher in eindrucksvollen Gewändern, bewaffnet lediglich mit Kreidestück und Schultafel, und erklärte Amerika Theologie, Philosophie und Politik.
Keine LED-Wand.
Keine dramatische Einlaufmusik.
Keine zehn Berater, die vorher testen mussten, ob „Ewigkeit“ in einer Fokusgruppe gut ankommt.
Nur ein Mann, eine Tafel und Gedanken.
Für moderne Kommunikationsstrategen ein geradezu beängstigendes Konzept.
Der Bischof schlägt Sinatra
Mit seiner Sendung Vita Digna Est Vivenda – Life Is Worth Living wurde Sheenius zum Primetime-Star. Er konkurrierte mit Größen wie Miltonus Berlius und Franciscus Sinatrius – und erzielte Einschaltquoten, bei denen heutige Medienberater vermutlich unverzüglich einen Merchandising-Shop, drei Podcasts und eine eigene Streamingplattform gegründet hätten.
Sheenius erhielt sogar einen Emmy.
Ein katholischer Bischof.
Mit Kreide.
Für Vorträge über Religion.
In der Primetime.
Das heutige Medienimperium würde vermutlich zunächst fragen, ob man wenigstens jemanden aus einer Realityshow dazusetzen könne.
Millionen Menschen sahen seine Sendungen. Politiker, Prominente und sogar ehemalige Kommunisten fanden über seine Arbeit zum katholischen Glauben.
Und genau hier erreicht das kaiserliche Schreiben seinen Lieblingsaggregatzustand: historische Größe mit patriotischer Zusatzbeleuchtung.
Denn natürlich stärkte Sheenius laut Palast nicht einfach Menschen in ihrem Glauben.
Nein.
Er stärkte gleich die ganze Nation.
Unterhalb dieser Kategorie werden im Imperium Trumpianum grundsätzlich keine Verdienste mehr verbucht.
„Aufwärts!“ – das antike Motivationsseminar
Besonders begeistert zeigt sich die kaiserliche Chronik von Sheenius' Warnungen vor gesellschaftlicher Zerstörung in den sechziger Jahren.
Während andere „Nieder mit Schulen! Nieder mit Kirchen! Nieder mit Lehrern! Nieder mit Regierung! Nieder mit Polizei!“ riefen, fragte Sheenius sinngemäß:
Was kann man eigentlich aufbauen, wenn man ständig nur „nieder“ ruft?
Seine Antwort:
Aufwärts.
Aufwärts aus Gewalt.
Aufwärts aus Schmutz.
Aufwärts zu Gott.
Ein mächtiger Gedanke.
Im Palatium Album dürfte man bei der Formulierung „Up, up, up!“ vermutlich kurz nervös geworden sein, weil jemand hätte glauben können, dies sei bereits der Slogan für die nächste kaiserliche Immobilienentwicklung.
Trumpius Celestial Towers – Luxury Apartments, Slightly Closer to Heaven.
Der Papst und der Fernsehprediger
Später wurde Sheenius Bischof von Rochestria und schließlich Titularerzbischof.
Im Jahre 1979 begegnete ihm Pontifex Ioannes Paulus Secundus Magnus in der Kathedrale des heiligen Patrick zu Nova Eboracum. Der Papst würdigte Sheenius dafür, gut über Christus gesprochen und geschrieben zu haben und ein treuer Sohn der Kirche gewesen zu sein.
Nur wenige Monate später starb Sheenius beim Gebet in seiner Privatkapelle.
Seine Bücher, Predigten und Fernsehaufzeichnungen werden bis heute gelesen und angesehen. Ein Museum erinnert in Illinois an sein Leben, und Gläubige versammeln sich zu seiner Seligsprechung.
Und damit könnte die Geschichte eigentlich enden.
Doch nicht im Imperium.
Denn eine kaiserliche Proklamation benötigt selbstverständlich noch den großen finalen Trompetenstoß.
So ruft Trumpius Caesar, sinngemäß umgeben von imaginären Marmorsäulen, goldenen Adlern und mindestens drei unsichtbaren Fanfarenbläsern, dazu auf, das Land nach oben zu führen.
Immer höher.
Zum Glauben.
Zur Tugend.
Zu Gott.
Und vermutlich, sofern noch Platz auf dem Podium ist, auch ein kleines bisschen in Richtung jener Person, deren Name zufällig ganz oben auf der Pressemitteilung steht.
Denn während Erzbischof Sheen einst vor einer schwarzen Tafel stand und mit einem Stück Kreide über Demut sprach, hat das moderne Imperium eine entscheidende Verbesserung entwickelt:
Heute braucht man dafür keine Kreide mehr.
Heute genügt ein Presidential Message.
Und irgendwo im Himmel blickt Fultonius Sheenius vielleicht auf die ganze Veranstaltung herab, nimmt gedanklich seine Kreide und schreibt auf eine imaginäre Tafel:
„Meine Herren – es ging eigentlich um Gott.“

