Im glorreichsten aller Häuser, dem Palatium Albicum, wurde eine neue imperiale Staatslehre verkündet. Sie ist so einfach, dass selbst ein Senator nach ausreichender Loyalitätsschulung verstehen kann:
Pressefreiheit ist ein Recht. Zugang zu Trumpius Caesar ist ein Gnadenakt.
So ließ Donaldus Trumpius Caesar Maximus, Herr der goldenen Säle, Bezwinger kritischer Nachfragen und oberster Verwalter genehmer Blickwinkel, mehrere Medien wissen, dass sie das Reich selbstverständlich weiterhin beobachten dürfen.
Nur eben möglichst von draußen.
Denn im Imperium gilt neuerdings: Wer Fragen stellt, darf reden. Wer zu viele Fragen stellt, darf eventuell auch weiterreden – nur mit etwas mehr Entfernung zum Thron.
CNN wurde zum Chronica Negativa Nuntiorum, Politico zur Politicorum Pergamentrolle des permanenten Widerspruchs, und MS NOW zur Murmurans Senatus Nuntiorum, jener verdächtigen Einrichtung, die den Kaiser gelegentlich daran erinnert, dass Pressekonferenzen keine Krönungszeremonien sind.
Das Palatium versicherte feierlich:
Niemand verbiete diesen Menschen das Schreiben.
Sie dürften schreiben.
Sie dürften senden.
Sie dürften kommentieren.
Sie dürften sogar völlig frei berichten – solange sie nicht erwarten, bei dieser Freiheit auch noch in Sichtweite der Macht zu sitzen.
Freiheit, aber bitte mit Hofordnung
Das Erste Amendamentum, so die neue Auslegung des kaiserlichen Hofrechts, garantiere zwar Meinungs- und Pressefreiheit.
Es garantiere jedoch ausdrücklich keinen Stuhl.
Keinen Hard Pass.
Keinen Platz im Pressepulk.
Und schon gar nicht das unerhörte Privileg, eine Frage zu stellen, deren Antwort der Imperator nicht schon vorher mag.
Damit vollzog das Imperium einen bemerkenswerten Fortschritt in der Staatslehre:
Früher hieß Pressefreiheit, dass die Presse die Regierung kontrolliert.
Unter Trumpius Caesar heißt sie nun zunehmend:
Die Regierung kontrolliert, welche Presse nahe genug herankommt, um sie zu kontrollieren.
Das klingt ähnlich.
Ist aber praktischer.
Jedenfalls für die Regierung.
Die große Schriftrolle des „Die anderen aber auch“
Zur Verteidigung der neuen Hofordnung ließ der Imperator eine gewaltige Schriftrolle historischer Verfehlungen hervorholen.
Sie war lang.
Sehr lang.
Fast so lang wie eine politische Erklärung, die eigentlich nur sagen möchte:
„Andere haben sich auch danebenbenommen.“
Unter Barackus Obamus, so verkündeten die Hofchronisten, seien Medien kritisiert, Reporter ausgeschlossen und Journalisten teilweise aggressiv behandelt worden.
Unter Josephus Bidenicus habe es ebenfalls Streit um Akkreditierungen und Zugang gegeben.
Damit war für den Hof bewiesen:
Wenn Vorgänger fragwürdige Dinge getan haben, werden dieselben Dinge unter dem aktuellen Caesar offenbar automatisch zu Verfassungsbrauchtum.
Dieses Staatsprinzip trägt im Imperium den Namen:
Lex Whataboutica.
Sie gehört mittlerweile zu den wichtigsten Säulen der kaiserlichen Rechtfertigungsarchitektur.
Ihr Grundsatz lautet:
Eine Maßnahme wird nicht besser, wenn man sie erklärt.
Sie wird besser, wenn man jemanden findet, der früher etwas Ähnliches getan hat.
So verwandelt sich politischer Vergleich in moralische Generalamnestie.
Der Hof nennt das historische Einordnung.
Andere könnten es für eine Flucht vor der eigentlichen Frage halten.
Der Hard Pass als Loyalitätsorden
Besondere Verehrung genießt im Palatium der sogenannte Hard Pass.
Außerhalb des Reiches handelt es sich dabei um eine Akkreditierung.
Innerhalb des Imperiums ist er etwas viel Bedeutenderes:
eine Art Orden der temporären kaiserlichen Duldung.
Er erlaubt seinem Besitzer, den Hof zu betreten, Fragen zu stellen und möglicherweise sogar eine Antwort zu erhalten, bevor erklärt wird, warum die Frage unfair, feindselig oder sehr, sehr schlecht sei.
Journalisten hatten jahrzehntelang geglaubt, Akkreditierungen seien ein organisatorisches Instrument demokratischer Pressearbeit.
Trumpius Caesar korrigierte diesen Irrtum.
Im modernen Imperium funktioniert Zugang vielmehr wie eine Tischordnung beim Hofbankett:
Wer nett berichtet, sitzt näher am Kaiser.
Wer kritisch berichtet, sitzt weiter hinten.
Wer besonders kritisch berichtet, entdeckt plötzlich die architektonischen Vorzüge des Bürgersteigs.
Kritik als Staatsstörung
Besonders empört zeigte sich das Palatium über negative Berichterstattung.
Denn im Weltbild des Imperators existiert ein erstaunlich einfacher Zusammenhang:
Positive Berichterstattung ist Journalismus.
Negative Berichterstattung ist Aktivismus.
Sehr negative Berichterstattung ist vermutlich Verschwörung.
Und eine kritische Schlagzeile am Montagmorgen grenzt bereits an eine feindliche Operation mit Presseausweis.
Damit führte Trumpius Caesar eine neue Maßeinheit demokratischer Gefährlichkeit ein:
Ein kritischer Bericht = eine halbe Palastrevolte mit Mikrofon.
Zwei kritische Kommentare ergeben eine Kampagne.
Drei kritische Kommentare ergeben einen Sender, der besser draußen wartet.
Das ist praktisch, denn so muss sich die Macht nie fragen, ob Kritik berechtigt sein könnte.
Sie muss nur feststellen, dass Kritik stattgefunden hat.
Der Hof liebt die Presse. Besonders die freundliche.
Natürlich liebt Trumpius Caesar die freie Presse.
Niemand liebt freie Presse mehr.
Wirklich niemand.
Er liebt sie ungefähr so sehr wie ein Kaiser Hofnarren liebt:
Solange sie lustig sind, wenn er lacht.
Das zentrale politische Problem des Imperiums ist daher nicht, dass Presse verboten würde.
Das wäre viel zu grob.
Moderner ist es, Zugang als Belohnung zu behandeln.
Nähe zur Macht wird zum Privileg.
Privilegien kann man vergeben.
Und Privilegien kann man entziehen.
Schon entsteht ein wunderschöner pädagogischer Effekt:
Reporter müssen nicht zensiert werden.
Sie müssen nur wissen, dass der nächste kritische Bericht möglicherweise Konsequenzen für den nächsten Zugang hat.
Im Hofhandbuch nennt man das vermutlich freiwillige journalistische Motivation.
Das neue Verhältnis zwischen Regierung und Kontrolle
Dabei war die Idee demokratischer Presse einmal erstaunlich unkompliziert:
Die Regierung regiert.
Die Presse beobachtet.
Die Öffentlichkeit urteilt.
Im Imperium Trumpius wurde diese Reihenfolge effizient modernisiert:
Die Regierung regiert.
Die Regierung urteilt über die Presse.
Und die Presse darf anschließend erklären, warum sie noch nicht als „feindselig“ gilt.
Das spart Zeit.
Vor allem dem Herrscher.
Denn ein Caesar, der nur von wohlwollenden Fragen umgeben ist, muss irgendwann nicht mehr zwischen Zustimmung und Realität unterscheiden.
Beides klingt dann ohnehin gleich.
Palatium Albicum präsentiert: kontrollierte Freiheit
Die entscheidende Pointe der neuen Staatsdoktrin lautet deshalb:
Niemand nimmt euch die Pressefreiheit. Wir entscheiden nur, wie nah ihr bei ihrer Ausübung an uns herankommt.
Das ist politische Macht in ihrer elegantesten modernen Verpackung.
Keine Zensurbehörde.
Kein offizielles Verbot.
Nur Türen.
Listen.
Akkreditierungen.
Zugänge.
Und ein Kaiser, der darüber entscheidet, welche Kritiker noch durch welche Tür dürfen.
So wird aus einem Recht langsam ein Hofprivileg, ohne dass man das Recht jemals offiziell abschaffen muss.
Trumpius Caesar kann daher zufrieden auf sein Werk blicken.
Die Reporter dürfen weiter schreiben.
Die Sender dürfen weiter senden.
Die Kritiker dürfen weiter kritisieren.
Und das Palatium darf weiterhin bestimmen, welche davon der Herrscher dabei persönlich ertragen muss.
Im Imperium Trumpius nennt man das natürlich nicht Kontrolle.
Das wäre unschön.
Man nennt es:
freiheitliche Presseverwaltung mit kaiserlicher Gästeliste.

