WASHINGTONIUM – Es gibt Momente in der Geschichte großer Reiche, in denen gewöhnliche Herrscher Berater einbestellen, Arbeitsgruppen bilden und anschließend erklären, die Lage sei kompliziert.
Und dann gibt es Imperator Donaldus Trumpius Maximus.
Der Herrscher des Vereinigten Amerikanischen Imperiums blickte auf steigende Dieselpreise, betrachtete die Lage mit jener kaiserlichen Entschlossenheit, die normalerweise kurz vor einem Dekret, einem Zoll oder einer vollständig großgeschriebenen Botschaft einsetzt, und verkündete sinngemäß:
„Dann nehmen wir eben den roten.“
Damit begann das vermutlich farbenprächtigste Kapitel der imperialen Energiepolitik seit Nero feststellte, dass Rom nachts erstaunlich hell sein kann.
Die kaiserliche Farbenlehre
Bislang war die Welt des Diesels streng geordnet.
Normaler Diesel durfte auf öffentlichen Straßen fahren und wurde entsprechend besteuert. Rot eingefärbter Diesel war dagegen für Landwirtschaft, Bauwirtschaft, Heizungen und andere Tätigkeiten jenseits des gewöhnlichen Straßenverkehrs bestimmt und steuerlich bevorzugt.
Doch Trumpius Caesar erkannte sofort das fundamentale Problem dieser jahrzehntealten Ordnung:
Beide Flüssigkeiten funktionieren ausgesprochen dieselartig.
Warum also sollte ausgerechnet eine Farbe das mächtigste Imperium der Welt aufhalten?
Per kaiserlichem Dekret soll deshalb die Steuer auf roten Diesel bei Nutzung auf öffentlichen Straßen zunächst aufgeschoben werden. Quaestor Tributarius, Hüter der imperialen Schatzkammer, soll anschließend sogar prüfen, ob aus diesem Aufschub möglicherweise ein vollständiges Verschwinden der Forderung werden könnte.
Eine bemerkenswert elegante Steuerpolitik:
Erst später kassieren.
Dann prüfen, ob man überhaupt noch kassieren muss.
Und irgendwann feststellen, dass „später“ möglicherweise ein erstaunlich dehnbarer Begriff ist.
Das Finanzministerium dürfte begeistert sein.
Auch die Diesel-Legionen marschieren
Der kaiserliche Verkehrsminister Marcus Asphaltus Maximus erhielt derweil den Auftrag, Gouverneure, Wirtschaft und Gewerkschaften zusammenzutrommeln, damit der rote Treibstoff möglichst unkompliziert seinen Weg in amerikanische Tanks findet.
Auch Agricola McFarmlandus, Statthalter über Mais, Rinder, Scheunen und Traktoren von der Größe kleiner Fürstentümer, soll dafür sorgen, dass Bauern ausreichend roten Diesel erhalten.
Damit vollzieht sich ein bemerkenswerter gesellschaftlicher Aufstieg.
Gestern war roter Diesel noch der verdächtige Cousin des normalen Diesels, bei dessen Entdeckung im Lkw-Tank plötzlich Menschen mit Dienstmarken unangenehme Fragen stellten.
Heute ist er patriotischer Krisenretter.
Morgen bekommt der Kanister vermutlich einen Weißkopfseeadler und wird bei Militärparaden mitgeführt.
Kontrollen und steuerliche Konsequenzen könnten entsprechend großzügig behandelt werden.
Aus dem bisherigen Prinzip „Roter Diesel gehört nicht auf die Straße“ wird damit:
„Roter Diesel gehört nicht auf die Straße – außer der Caesar braucht günstigeren Diesel auf der Straße.“
Das nennt man im Imperium nicht Widerspruch.
Das nennt man Flexibilität.
Schuld sind selbstverständlich die anderen
Natürlich erklärte das Kaiserliche Haus auch, weshalb Diesel überhaupt teuer geworden sei.
Krieg, weltweite Engpässe bei Raffinerien und – wie könnte es anders sein – grüne Energiepolitik hätten das Angebot verknappt.
Trumpius Caesar dagegen steht für ENERGIA DOMINANTIA AMERICANA: mehr Förderung, weniger Vorschriften und vermutlich Bohrtürme an Orten, an denen bislang lediglich noch niemand mutig genug war, einen Bohrturm hinzustellen.
Unter seiner Herrschaft sei Amerika wieder Energiemacht, Bauern würden unterstützt, Lastwagenfahrer gestärkt und lästige Regeln beseitigt.
Selbst die erlaubten Lenkzeiten für bestimmte Treibstofftransporte wurden gelockert, damit Fahrer länger unterwegs sein können und mehr Diesel schneller dorthin gelangt, wo Amerikaner dringend Diesel benötigen, um weiteren Diesel zu transportieren.
Das ist keine Lieferkette mehr.
Das ist ein fossiler Perpetuum-mobile-Versuch.
Venezuela liefert Öl – Europa räumt den Dieselkeller
Doch Trumpius Caesar wäre nicht Trumpius Caesar, wenn er sich mit ein paar rot gefärbten Tankfüllungen zufriedengäbe.
Aus Venezuelia Petrolissima soll durch ein gigantisches Ölgeschäft zusätzlicher schwarzer Schatz ins Imperium strömen.
Doch selbst das genügte dem Caesar nicht.
Sein Blick wanderte über den Atlantik.
Dort lag Europa Maxima Bureaucratica, jener sagenumwobene Kontinent, auf dem selbst ein Reservekanister vermutlich erst nach Umweltverträglichkeitsprüfung, Datenschutzfolgenabschätzung und dreisprachiger Konsultation geöffnet werden darf.
Und Europa hatte Diesel.
Strategischen Diesel.
Also Diesel, den man jahrelang sorgfältig einlagert, damit er im strategischen Notfall zur Verfügung steht.
Trumpius Caesar erklärte kurzerhand, dass jetzt ein strategischer Notfall sei.
In Brüsselium soll daraufhin hektische Betriebsamkeit ausgebrochen sein.
„Der Imperator verlangt unseren Diesel!“
„Welchen Diesel?“
„Den strategischen!“
„Dafür brauchen wir das Formular EU-DIESEL-RESERVE-ENTNAHME 27b.“
„Wo ist das?“
„Im Unterausschuss für fossile Übergangsreserven.“
„Wann tagt der?“
„Nächsten Donnerstag.“
„Trumpius will den Diesel aber jetzt.“
Stille.
Dann das Geräusch von hundert gleichzeitig geöffneten Excel-Tabellen.
Umgehend wurde ein europäischer Sondergipfel einberufen.
Ursula von der Leyenissima, Hohe Konsulin der Europäischen Pergamentrollen, erschien mit mehreren Aktenordnern, einem Klimaziel und einem besorgten Gesichtsausdruck.
Frankreich entsandte Emmanuel Macronius Magnificus.
Deutschland einen Staatssekretär mit PowerPoint-Präsentation.
Italien einen Espresso.
Belgien erklärte vorsichtshalber, man müsse zunächst prüfen, wem der Diesel überhaupt gehöre.
Nach stundenlangen Beratungen stand fest:
Europa besitzt Diesel.
Amerika möchte Diesel.
Und niemand im Raum wusste genau, warum plötzlich Trumpius Caesar darüber entschied.
Dann traf die kaiserliche Botschaft aus Washingtonium ein:
„OPEN THE TANKS.“
Neue Krisensitzung.
„Können wir das ablehnen?“
„Natürlich.“
„Und was passiert dann?“
„Der Imperator hält eine Pressekonferenz.“
Entsetztes Schweigen.
„Was wird er sagen?“
„Vermutlich, Europa sei ein Windpark mit Nationalhymnen, der seit Jahrzehnten von Amerika kostenlos bewacht werde.“
„Noch etwas?“
„Er könnte Zölle erwähnen.“
Kurze Pause.
„ÖFFNET DIE TANKS!“
Binnen Minuten rannten europäische Beamte durch die strategischen Lagerstätten, während Kommissionen hektisch prüften, ob das Öffnen eines Dieseltanks möglicherweise gegen die europäische Tankdeckelrichtlinie verstieß.
Ein Mitarbeiter fragte vorsichtig, ob die Freigabe fossiler Reserven mit den Klimazielen vereinbar sei.
Er wurde sofort in den Unterausschuss für schwierige Fragen versetzt.
Dort sitzt er vermutlich noch heute.
Schließlich öffnete Europa seine strategischen Reserven und schickte große Mengen raffinierten Diesels über den Atlantik – vermutlich begleitet von einem mehrhundertseitigen Dokument, das Amerika darum bittet, den Kraftstoff möglichst klimaneutral zu verbrennen.
Im Kaiserpalast von Washingtonium nahm Trumpius Caesar die Nachricht zufrieden entgegen.
Venezuela liefert Öl.
Europa liefert Diesel.
Amerika liefert die Lastwagen.
Und Brüssel liefert die Formulare.
Damit war die transatlantische Arbeitsteilung endlich wiederhergestellt.
Das Wunder an der Zapfsäule
So entsteht die neue imperiale Energieordnung.
Amerikanischer roter Diesel darf auf die Straße.
Die Steuer wird zunächst in die Zukunft verschoben.
Venezuela öffnet seine Ölquellen.
Europa öffnet seine Reservetanks.
Trucker fahren länger.
Und Trumpius Caesar steht über allem als Patronus Pickuporum, Beschützer der Trucker und Pontifex Maximus der Zapfsäule.
Andere Regierungen würden steigende Kraftstoffpreise vielleicht mit langfristiger Energiepolitik, Infrastrukturprogrammen oder zusätzlichen Raffineriekapazitäten bekämpfen.
Trumpius braucht dafür lediglich einen Erlass, strategische Reserven und eine bemerkenswert flexible Einstellung zur Farbe Rot.
Historiker werden vielleicht eines Tages fragen, wie es Trumpius Caesar gelang, gleichzeitig amerikanische Energieunabhängigkeit auszurufen, venezolanisches Öl zu feiern und Europa um dessen Dieselreserven zu erleichtern.
Die Antwort dürfte erstaunlich einfach sein:
Im Imperium bedeutet Energieunabhängigkeit, dass Amerika völlig unabhängig entscheiden kann, aus welchem anderen Land die Energie geliefert wird.
Und falls der Diesel danach immer noch zu teuer ist?
Dann wird vermutlich nicht der Preis gesenkt.
Dann bekommt der Diesel einfach eine neue Farbe – und das Finanzamt den Befehl, wegzuschauen.

