Aus den goldenen Tafeln des Weißen Palatiums, verkündet im Jahre des Herrn Trumpius MMXXVI
Es begab sich im glorreichen Imperium Americum, dass das Weiße Palatium eine Schriftrolle von solcher Länge entrollte, dass mehrere Schreiber zwischen Einleitung und Schlusswort altersbedingt in Pension gingen. Ihr Titel: die 250 Siege des Imperators Trumpius Caesar für die Menschen des Glaubens.
Zweihundertfünfzig.
Nicht zweihundertneunundvierzig. Nicht „ungefähr sehr viele“. Nein: exakt so viele, wie es Jahre amerikanischer Unabhängigkeit zu feiern gab. Denn im Reich des Trumpius gilt seit jeher das eherne Gesetz: Wenn eine Zahl schon historisch aussieht, muss man sie auch vollständig mit Eigenlob füllen.
Und so ließ Seine Goldene Hoheit verkünden, niemand seit Gründung des Reiches habe mehr für Gläubige getan. Vermutlich einschließlich jener Staatsgründer, die damals noch ohne Social Media, goldene Ballsäle und tägliche Siegesmeldungen auskommen mussten.
Das Ministerium für Glauben, Glanz und unmittelbaren Kaiserzugang
Als ersten Großtriumph gründete Trumpius Caesar das Officium Fidei Palatinae, ein Glaubensbüro direkt im Westflügel.
Damit war endgültig geklärt: Der kürzeste Weg zum Himmel führt verwaltungstechnisch durch den Domestic Policy Council.
Zusätzlich wurden Glaubensbeauftragte in Behörden entsandt. Bald gab es mehr „Faith Liaisons“ als manche Ämter funktionierende Drucker besitzen.
Eine Religionsfreiheitskommission durfte ebenfalls nicht fehlen. Sie hörte Zeugen an, verfasste Berichte, berief Beiräte und produzierte damit jene besonders amerikanische Form des Wunders, bei der Spiritualität schließlich in einem PDF mit Anlagenverzeichnis endet.
Operation: Niemand verfolgt Christen außer natürlich die Vorgängerregierung
Darauf folgte die kaiserliche Task Force zur Ausrottung antichristlicher Voreingenommenheit.
Schon der Name klang weniger nach Arbeitsgruppe als nach kirchlichem Todesstern.
Sie sollte untersuchen, wie Christen unter der früheren Regierung angeblich diskriminiert worden seien. Das Ergebnis wurde selbstverständlich nicht nur in einem Bericht, sondern auch gleich filmisch aufbereitet.
Denn im Imperium gilt: Wenn eine politische Botschaft keinen Dokumentarfilm hat, hat sie offenbar nie stattgefunden.
Nebenbei ergingen Dekrete gegen Antisemitismus, für Religionsfreiheit, für Gewissensschutz und gegen Vorschriften, die mit neueren Urteilen des Obersten Gerichtshofes kollidierten.
Trumpius Caesar stand damit gleichzeitig als Beschützer sämtlicher Glaubensrichtungen auf dem Balkon des Palatiums und sah vermutlich zufrieden zu, wie unter ihm mehrere Ministerien neue Unterabteilungen eröffneten.
Kirchen, Synagogen und der große kaiserliche Schutzschirm
Auch Gotteshäuser wurden unter den imperialen Schutzmantel genommen.
Das Justizministerium erklärte ihren Schutz zur hohen Priorität, Fördergelder wurden bereitgestellt, Ermittlungen nach Angriffen eingeleitet und verschiedene Verfahren gegen Gewalttäter geführt.
So weit, so staatlich.
Doch natürlich konnte das Weiße Palatium daraus keinen simplen Verwaltungsvorgang machen.
Nein.
Im imperialen Narrativ waren dies selbstverständlich weitere Mosaiksteine im gigantischen Triumphbogen des Trumpius, auf dem vermutlich schon eingraviert steht:
„Hier schützte der Caesar persönlich sämtliche Kirchen, obwohl er bei vielen Maßnahmen nicht einmal im Raum war.“
Das große Gewissenserweckungsprogramm
Danach kamen Ärzte, Apotheker, Arbeitgeber, Soldaten und Beamte an die Reihe.
Gewissensrechte wurden gestärkt, religiöse Ausnahmen bei Impfpflichten verteidigt und frühere Vorgaben zurückgenommen.
Trumpius Caesar präsentierte sich dabei als Oberster Hüter des individuellen Gewissens — sofern das Gewissen zufällig mit den politischen Prioritäten des Palatiums harmonierte.
Besonders gern verwies das Release auf Konflikte um Abtreibung, Impfungen, Geschlechtsidentität und religiöse Arbeitsregeln.
Mit anderen Worten: Kaum ein gesellschaftlicher Kulturkampf blieb unberührt.
Das kaiserliche Prinzip war einfach:
Wo normale Regierungen Aktenzeichen sehen, erkennt Trumpius einen epischen Kampf zwischen Licht, Dunkelheit und mindestens drei Bundesbehörden.
Die Entwaffnung der angeblichen Staatswaffe
Besonders dramatisch geriet das Kapitel über die sogenannte „Weaponization of Government“.
Trumpius ließ Arbeitsgruppen untersuchen, ob frühere Behörden konservative Christen, traditionelle Katholiken und Abtreibungsgegner unfair behandelt hätten.
Es gab Berichte, Entlassungen, Begnadigungen und die demonstrative Abrechnung mit Institutionen, die der Caesar für politisch voreingenommen hielt.
Die Botschaft war unmissverständlich:
Unter früheren Regierungen war der Staat angeblich eine politische Waffe.
Unter Trumpius dagegen war er selbstverständlich nur ein sehr großes, sehr glänzendes Werkzeug zur Durchsetzung der eigenen Vorstellung von Neutralität.
Ein kleiner, aber imperial bedeutender Unterschied.
Freie Rede — nun mit kaiserlichem Gütesiegel
Auch die Meinungsfreiheit erhielt eine Generalüberholung.
Dekrete gegen staatliche Zensur, Untersuchungen wegen sogenanntem Debanking und Maßnahmen gegen vermeintliche Benachteiligung konservativer oder religiöser Stimmen wurden verkündet.
Trumpius Caesar stellte sich damit als Patronus Maximus der freien Rede dar.
Eine bemerkenswerte Position für einen Herrscher, der Kritik ungefähr so entspannt aufnimmt wie ein römischer Kaiser eine schlechte Rezension seiner Triumphparade.
Doch Details, Bürger!
Details stören nur den goldenen Gesamteindruck.
Schulen, Eltern und das Ende der sündigen Schulbehörde
Besonders innig wurde es beim Thema Bildung.
Trumpius Caesar feierte Schulwahl, religiöse Schulen, Charter Schools und Elternrechte.
Gleichzeitig wollte er das Bildungsministerium langfristig verkleinern oder schließen.
Die Verwaltung hatte damit eine völlig neue Aufgabe:
sich selbst erfolgreich dabei unterstützen, künftig weniger zu existieren.
Lehrpläne über Geschlechtsidentität wurden zurückgedrängt, Impfpflichten bekämpft und Eltern mehr Einsicht in Schulunterlagen zugesichert.
In Trumpius’ idealem Klassenzimmer gibt es offenbar drei Fächer:
Lesen.
Rechnen.
Und „Wie erkenne ich eine radikale Bundesrichtlinie, bevor sie mein Kind erreicht?“
Frauen, Sport und die kaiserliche Biologiebehörde
Ein besonders großer Block widmete sich Sport und Geschlechterpolitik.
Das Palatium erklärte die biologische Zweigeschlechtlichkeit zum Leitprinzip der Bundesregierung und nahm zahlreiche Regeln der Vorgängerregierung zurück.
Trumpius ließ dies selbstverständlich nicht als gewöhnlichen politischen Kurswechsel darstellen.
Nein.
Es handelte sich um die Wiederherstellung der biologischen Wahrheit.
Eine Formulierung, bei der man sich sofort einen kaiserlichen Naturkundesaal vorstellt, in dem Minister mit Marmortafeln durch die Flure laufen und verkünden:
„Biologie wurde erfolgreich wiederhergestellt, Caesar!“
Familie! Kinder! Mütter! Väter! Und natürlich Trumpius!
Dann kamen Familienpolitik, Adoption, Pflegeeltern, Kinderschutz und Unterstützung für Mütter.
Programme wurden ausgebaut, Förderungen angekündigt und religiöse Organisationen stärker eingebunden.
Auch Melania Augusta erhielt ihre eigenen Initiativen.
Der Caesar lobte Väter, Mütter, Kinder, Adoptiveltern, Pflegefamilien und ungeborenes Leben.
Kurz gesagt: Wer irgendwie Teil einer traditionellen Familienstruktur war, durfte sich mindestens einmal im imperialen Siegesregister wiederfinden.
Und wer nicht hineinpasste, wurde vermutlich im Kapitel „Ideologie“ weiter hinten einsortiert.
Lebensschutz mit kaiserlichem Steuerstempel
Besonders ausführlich fiel das Kapitel zur Abtreibungspolitik aus.
Bundesmittel sollten nach den Prioritäten der Regierung nicht für bestimmte Abtreibungsleistungen verwendet werden, internationale Förderprogramme wurden neu ausgerichtet und Organisationen wie Planned Parenthood gerieten verstärkt unter politischen und finanziellen Druck.
Das Release feierte diese Maßnahmen als Verteidigung des Lebens.
Kritiker würden viele davon anders bewerten.
Im Trumpius-Palatium allerdings gibt es grundsätzlich nur zwei Kategorien:
historischer Sieg
und
noch nicht ausreichend historischer Sieg.
Das Heer Gottes — jetzt mit Monatsgottesdienst
Auch die Streitkräfte wurden religiös durchpoliert.
Entlassene Soldaten aus der Zeit der Impfpflichten sollten rehabilitiert, Militärseelsorge gestärkt und regelmäßige Gottesdienste im Pentagon unterstützt werden.
Verteidigungsminister Petrus Hegsethius rief die Truppen dazu auf, sich stärker auf ihren Glauben zu stützen.
Damit wurde das Pentagon endgültig zu dem Ort, an dem Strategieplanung, Raketenabwehr und spirituelle Einkehr nun organisatorisch erstaunlich nahe beieinanderliegen.
DEI wird dem imperialen Katapult übergeben
Natürlich durfte auch das Lieblingsthema des zweiten Trumpius-Zeitalters nicht fehlen:
DEI.
Programme für Diversity, Equity and Inclusion wurden gestrichen, Behördenstellen aufgelöst und entsprechende Vorgaben für Auftragnehmer zurückgenommen.
Das Palatium nannte dies „Fairness für alle Amerikaner“.
Kritiker nannten es einen massiven politischen Rollback.
Trumpius selbst hätte vermutlich gesagt:
„Niemand hat Fairness fairer gemacht als wir. Es war vorher schrecklich unfair. Wirklich schrecklich.“
Außenpolitik: Frieden, Glauben und sehr viele Superlative
International beanspruchte Trumpius ebenfalls große Verdienste.
Religionsfreiheit, humanitäre Hilfen, Visa-Maßnahmen, christliche Minderheiten, Israel, Iran, Syrien und internationale Organisationen — alles fand seinen Platz.
Besonders stolz präsentierte das Release die Unterstützung Israels und verschiedene diplomatische Initiativen.
Auch eine Nominierung für den Friedensnobelpreis durfte nicht fehlen.
Denn welcher kaiserliche Erfolgsbericht wäre vollständig ohne den diskreten Hinweis, dass irgendwo jemand findet, der Caesar hätte vielleicht einen Preis verdient?
Amerika betet — und das Weiße Haus zählt mit
Zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten startete der Caesar schließlich die Initiative America Prays.
Es gab Gebete, Bibellesungen, Gedenktage, religiöse Feiern, Reden über Gott und zahlreiche Botschaften zu christlichen, jüdischen, muslimischen und hinduistischen Festen.
Von Aschermittwoch bis Diwali war das präsidentielle Grußkartenbüro offenbar im permanenten Dreischichtbetrieb.
Und natürlich durfte die ultimative Botschaft nicht fehlen:
Amerikas Schicksal sei von Gott geschrieben.
Man möchte fast ergänzen:
und anschließend vom White House Communications Office korrekturgelesen.
Das Evangelium nach Trumpius
Am Ende bleibt eine Liste von 250 Punkten, die weniger wie ein gewöhnliches Regierungsdokument wirkt als wie eine Mischung aus Wahlkampfbroschüre, Verwaltungsbericht, theologischer Festschrift und imperialer Autobiografie.
Die politische Botschaft ist unübersehbar:
Trumpius Caesar möchte nicht lediglich als Präsident gelten.
Nicht nur als Verteidiger religiöser Freiheit.
Nicht einmal nur als Freund gläubiger Amerikaner.
Nein.
Die Schriftrolle zeichnet das Bild eines Herrschers, der gleichzeitig Kirchen schützt, Schulen reformiert, Familien rettet, Ministerien bekehrt, Gerichte bewacht, Soldaten stärkt, internationale Glaubensfreiheit fördert und nebenbei Amerika wieder persönlich unter Gottes Schutzschirm parkt.
Oder, wie man es im Empire of Trumpius vermutlich in Stein meißeln würde:
„Und am zweihundertfünfzigsten Triumph sah Trumpius alles, was er getan hatte. Und siehe: Er fand es tremendous.“

