Von der kaiserlichen Kanzlei des Imperium Americanum
Es gibt Tage, an denen selbst im Palatium Trumpianum die goldenen Trompeten etwas leiser geblasen werden. Tage, an denen Donaldus J. Trumpius Maximus Caesar nicht verkündet, dass er den größten Handschlag, die schönste Mauer, die patriotischste Krawatte und vermutlich auch den historisch bedeutendsten Kugelschreiber seit Erfindung der Tinte besitzt.
Der National POW/MIA Recognition Day gehört zu diesen seltenen Momenten.
Am 18. September 2026 soll das Imperium Americanum jener Soldatinnen und Soldaten gedenken, die in Kriegen gefangen genommen wurden oder bis heute als vermisst gelten.
Trumpius ließ daher am 16. September eine feierliche Proklamation ausrollen – vermutlich auf einem Pergament so groß, dass es im Ovalen Thronsaal nur mit Baugenehmigung vollständig entfaltet werden konnte.
Die Freiheit Amerikas, verkündete der Caesar, sei durch mutige Männer und Frauen verteidigt worden. Viele gerieten in Gefangenschaft, viele erlitten Gewalt und Entbehrungen, viele kehrten niemals zurück.
Rund 80.000 amerikanische Militärangehörige gelten laut Proklamation weiterhin als vermisst.
Eine Zahl, die sogar den kaiserlichen Hofchronisten kurz davon abhielt, nachzuschlagen, ob Trumpius bei irgendeinem Golfturnier möglicherweise mehr Zuschauer gehabt hatte.
Denn manche Zahlen eignen sich nicht für Superlative.
Und manche Geschichten brauchen keinen Donaldus im Mittelpunkt.
Eine vermutlich völlig neue Erfahrung für den Palast.
Über dem Weißen Palatium weht neben den Stars and Stripes auch die schwarz-weiße POW/MIA-Flagge mit den Worten „You Are Not Forgotten.“
Im Imperium Trumpianum erstaunlicherweise kein Slogan für eine neue Kollektion von Baseballkappen, keine Premium-Mitgliedschaft und auch kein Name für ein Resort in Florida, sondern ein staatliches Versprechen: Die Vermissten sollen nicht vergessen werden.
Man kann nur hoffen, dass niemand im kaiserlichen Marketingbüro bereits die Domain registriert hat.
Besonders würdigte Trumpius die Arbeit der Defensio POW/MIA Accounting Agency, kurz DPAA. Sie versucht, das Schicksal vermisster Soldaten zu klären und sterbliche Überreste zu identifizieren.
Erst kürzlich gelang die 800. Identifizierung eines Gefallenen aus dem Koreakrieg.
Für die kaiserliche Statistikabteilung vermutlich ein erfolgreicher Meilenstein.
Für eine Familie hingegen das Ende jahrzehntelanger Ungewissheit.
Ein Unterschied, den selbst der sonstige Großmeister der persönlichen Erfolgsbilanz offenbar verstanden hat.
Zumindest für die Dauer einer Proklamation.
Gemeinsam mit Melania Augusta Prima Domina gedachte Trumpius der Kriegsgefangenen, Vermissten und ihrer Angehörigen. Die Suche müsse weitergehen, bis möglichst jedes Schicksal geklärt sei.
Und tatsächlich schien es für einen historischen Augenblick, als habe der mächtigste Mann des Imperium Americanum akzeptiert, dass eine Zeremonie existieren kann, ohne dass anschließend sein Name in drei Meter hohen Goldbuchstaben über dem Eingang montiert werden muss.
Doch keine Sorge.
Der reguläre Betrieb wurde rechtzeitig wieder aufgenommen.
Denn schließlich folgte das, was keine Proklamation des Trumpius-Palastes ohne weiteres überlebt: die große kaiserliche Autoritätsformel.
„Kraft der mir durch Verfassung und Gesetze verliehenen Autorität …“
Man hört förmlich, wie im Hintergrund ein römischer Adler die Flügel ausbreitet, drei Senatoren ihre Toga richten und irgendwo ein Hofbeamter vorsorglich prüft, ob „Caesar“ bereits als offizieller zweiter Vorname eingetragen wurde.
Donaldus J. Trumpius Maximus Caesar erklärte den 18. September 2026 zum National POW/MIA Recognition Day.
Natürlich nicht einfach so.
Nein.
Die Proklamation wurde majestätisch datiert: im Jahre des Herrn zweitausendsechsundzwanzig und im 251. Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit.
So viel imperiales Pathos hätte selbst Augustus zu der vorsichtigen Frage veranlasst:
„Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?“
Vermutlich nicht.
Denn im Palatium Trumpianum wird selbst ein Kalenderdatum behandelt, als hätte Caesar persönlich gerade Gallien erobert, den Atlantik angelegt und anschließend Amerika erfunden.
Am Ende stand die Unterschrift:
DONALD J. TRUMP
Keine Krone.
Kein „Maximus“.
Kein „Imperator Mundi“.
Nicht einmal ein kleines goldgeprägtes „Größter Präsident aller Zeiten“.
Fast bescheiden.
Für Trumpius-Verhältnisse geradezu republikanisch.
Und vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieses Tages:
Zwischen all dem Marmor, Gold, Pathos, Fanfaren und der permanenten Versuchung des Kaisers, aus jedem staatlichen Ereignis eine persönliche Siegesparade zu machen, erinnert der POW/MIA Recognition Day daran, dass manche Geschichten wichtiger sind als der Mann am Rednerpult.
Es geht um Menschen, die nicht zurückkehrten.
Um Familien, die jahrzehntelang warteten.
Um Namen, deren Schicksal noch immer unbekannt ist.
Und so verkündet selbst Donaldus Trumpius Maximus Caesar ausnahmsweise keine Botschaft über Donaldus Trumpius Maximus Caesar.
Zumindest fast nicht.
Denn irgendwo im Palast dürfte bereits jemand fragen:
„Majestät, sollen wir die Proklamation noch größer drucken?“
Und aus dem Goldenen Saal ertönt vermutlich:
„Sehr groß. Historisch groß. Niemand hat jemals würdevoller erinnert als wir.“
Die Trompeten setzen wieder ein.
Das Imperium ist zurück.

