Es war wieder jene ehrwürdige Woche im Imperium Americanum, in der die Untertanen daran erinnert werden, dass die Verfassung mit den majestätischen Worten „We the People“ beginnt – und keineswegs mit „We Donaldus Trumpius Maximus Caesar“. Ein historisches Detail, das am kaiserlichen Hofe traditionell mit bemerkenswerter Gelassenheit überlesen wird.
Denn Donaldus Trumpius Maximus Caesar, erster Goldvorhanghalter, oberster Unterschriftenmeister und selbsternannter Schutzpatron aller Großbuchstaben, verkündete feierlich die Constitutio-Woche 2026.
Vor 239 Jahren, so ließ der Caesar erklären, versammelten sich die Gründerväter in der Halle der Unabhängigkeit, um eine Verfassung zu schaffen. Damals noch ohne Teleprompter, Social-Media-Abteilung und goldumrandeten Präsidentenschreibtisch – was aus heutiger imperialer Sicht geradezu barbarische Zustände gewesen sein müssen.
Die 39 Unterzeichner wagten seinerzeit Leben, Vermögen und Ehre für eine Republik mit Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Föderalismus.
Trumpius zeigte sich tief beeindruckt.
Vor allem von dem Teil mit der Gewalt.
Die Teilung wird noch geprüft.
Die vollkommenste Schriftrolle aller Zeiten
Die amerikanische Verfassung sei, ließ der Kaiserhof verlauten, praktisch das großartigste politische Dokument, das jemals auf Pergament, Papier oder eine dekorative Speisekarte gedruckt worden sei.
Sie garantiere Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und zahlreiche weitere Rechte.
Donaldus Trumpius betonte deshalb, niemand dürfe wegen seiner Überzeugungen vom Staat verfolgt werden.
Eine wichtige Botschaft.
Besonders für Menschen mit der richtigen Überzeugung.
Denn kaum war die universelle Freiheit ausreichend gewürdigt, wurden im nächsten Absatz Kommunisten, Sozialisten, Linke, Radikale und vermutlich auch Menschen, die beim Frühstück verdächtig progressive Hafermilch verwenden, als neue Gefahr für das Imperium ausgemacht.
Die Verfassung schützt schließlich alle Meinungen.
Einige davon müssen nur vorsichtshalber etwas intensiver beobachtet werden.
Die große Reinigung der Wahrheit
Unter der vorherigen Regierung, erklärte Trumpius, seien Institutionen gegen die Bevölkerung eingesetzt worden. Doch damit sei nun Schluss.
Die neue Regierung kämpfe gegen politische Instrumentalisierung, indem sie Behörden, Museen und Bildungseinrichtungen von falschen politischen Erzählungen befreie.
Am Kaiserhof bezeichnet man dieses revolutionäre Konzept als:
„Entpolitisierung durch die richtige Politik.“
Museen sollen künftig wieder die wahre Geschichte erzählen.
Welche Wahrheit genau gemeint ist, wird praktischerweise vom Ministerium für historische Harmonie definiert.
Denkmäler sollen geschützt, Helden verehrt und Schüler dazu angehalten werden, ihr Land, ihre Fahne und ihre nationale Geschichte angemessen zu würdigen.
Kritisches Denken bleibt selbstverständlich erlaubt.
Solange das Ergebnis stimmt.
Regierung begrenzen – beim Präsidenten anfangen?
Besonders majestätisch wurde es, als Donaldus Trumpius versprach, die Bundesregierung künftig begrenzt, ehrlich und ausschließlich dem Volk verantwortlich zu halten.
Im Publikum soll kurz jemand gefragt haben, ob das möglicherweise auch für den Präsidenten gelte.
Die betreffende Person befindet sich derzeit vermutlich auf einer sehr langen Führung durch das Nationalarchiv.
Trumpius versprach jedenfalls, die Verfassung zu „bewahren, zu schützen und zu verteidigen“.
Eine bemerkenswerte Dreifachformel, die ungefähr klingt wie:
„Ich beschütze die Gebrauchsanweisung. Und selbstverständlich entscheide ich persönlich, wie sie zu lesen ist.“
Vom 17. bis 23. September sollen Lehrer, Schulverwaltungen sowie staatliche und kommunale Stellen deshalb jungen Amerikanern erklären, welche Rechte und Pflichten Bürger einer Verfassungsordnung besitzen.
Ein mutiges pädagogisches Experiment.
Vielleicht beginnt der Unterricht sogar mit Artikel I, geht anschließend zu Artikel II und erreicht irgendwann die überraschende Erkenntnis, dass eine Republik mehrere Institutionen besitzt.
Donaldus Trumpius Maximus Caesar setzte schließlich seine kaiserliche Unterschrift unter die Proklamation.
Damit war die Verfassung offiziell für eine weitere Woche gerettet.
Vor allem vor allen anderen.

