Es war einer jener Tage, an denen selbst die Marmorsäulen des Weißen Palastes leicht golden schimmerten, weil Trumpius Caesar Maximus Transparens wieder einmal beschloss, Geschichte zu schreiben. Während gewöhnliche Herrscher mühsam Pressemitteilungen veröffentlichen, öffnet Trumpius lieber gleich die geheimsten Archive des Imperiums – möglichst mit dramatischem Trompetenstoß und mindestens zwölf Adlern im Hintergrund.
Unter der Leitung des neu gegründeten Ordo Transparentia Imperialis, einer Behörde, deren einziger Zweck offenbar darin besteht, Schränke mit der Aufschrift „Streng geheim“ möglichst öffentlich aufzuschließen, wurden zahlreiche alte Geheimdokumente freigegeben. Unterstützt wurde das Spektakel von einer beeindruckenden Allianz aus Geheimdienst-Orakeln: den Hohepriestern der Oraculus Nationalis Intelligence, den Kryptomagiern der NSA Maxima Encryptica, den Schattenagenten der CIA Occultus, den Torwächtern des Ministeriums für Heimatschutzus Domesticus und den unermüdlichen Spürhunden des FBI Investigatus.
Gemeinsam präsentierten sie eine Sammlung alter Pergamente, die laut Trumpius Caesar endlich beweisen sollen, dass die politischen Gladiatorenspiele des Imperiums weit spannender waren, als viele Bürger bislang ahnten.
Der spektakulärste Fund der Schriftrollen betrifft das geheimnisvolle Reich Sinensis Maximus, dessen Cyber-Legionen nach Angaben der Archive angeblich Daten von bis zu 220 Millionen registrierten Wählern des Imperiums gesammelt haben sollen. Natürlich genügte es den digitalen Legionären nicht, einfach öffentlich zugängliche Informationen einzusammeln. Nein – wahre Meister der Intrige interessieren sich bekanntlich erst für das, was eigentlich niemand sehen soll.
Im Senat wurde sofort hektisch gerechnet.
"220 Millionen?", fragte Senator Rechenius Confusus.
"Ja."
"Das sind ziemlich viele."
"Exakt."
Mehr mathematische Präzision war an diesem Tag nicht erforderlich.
Trumpius Caesar erklärte mit majestätischer Gelassenheit, dass die Bürgerregister offenbar interessanter seien als die Speisekarte einer römischen Taverne. Offenbar könne man mit genügend Datensätzen sogar erkennen, welcher Bürger seinen Namen in besonders kunstvoller Handschrift eingetragen habe.
Die freigegebenen Schriftrollen enthalten außerdem eine bemerkenswert ausführliche Definition dessen, was das Imperium unter einer Einmischung in die Wahlkämpfe versteht. Während gewöhnliche Bürger bislang glaubten, Wahleinmischung beginne irgendwo zwischen lautem Wahlkampf und besonders kreativen Flugblättern, unterscheiden die kaiserlichen Archivare sorgfältig zwischen allgemeiner Einflussnahme und technischer Manipulation.
Für die Bürokraten des Imperiums ist schließlich nichts wichtiger als saubere Definitionen.
Denn ein römischer Beamter schläft erst ruhig, wenn jeder Begriff mindestens drei Unterbegriffe und fünf Fußnoten besitzt.
Die Cyber-Legionen von Sinensis Maximus sollen laut den Dokumenten sogar in der Lage gewesen sein, Daten aus kommerziellen Quellen zusammenzutragen, die der normale Bürger niemals zu Gesicht bekommen hätte. Damit hätte man theoretisch allerlei Unheil anrichten können – etwa Verzögerungen bei der Registrierung, Verwirrung am Wahltag oder andere digitale Stolpersteine.
Im Volk führte diese Nachricht zu den unterschiedlichsten Reaktionen.
Einige Bürger beschlossen sofort, sämtliche Passwörter zu ändern.
Andere klebten sicherheitshalber Alufolie auf ihre Schreibtafeln.
Wieder andere fragten sich lediglich, warum sie trotz aller Digitalisierung noch immer fünf Formulare in dreifacher Ausfertigung ausfüllen mussten.
Die eigentliche Sensation war jedoch weniger der Inhalt der Dokumente als ihre feierliche Freigabe. Trumpius Caesar präsentierte sich als oberster Öffner verschlossener Archive und ließ keinen Zweifel daran, dass Transparenz im Imperium künftig so glänzend sein solle wie seine vergoldeten Säulen.
Der eigens gegründete Transparenz-Orden entwickelte sich binnen Stunden zum Gesprächsthema des Reiches.
Skeptiker vermuteten bereits, dass demnächst sogar die Speisekarten der Senatskantine freigegeben würden.
Optimisten hofften dagegen auf Einsicht in die legendären Baupläne der nie fertiggestellten Bürokraten-Ablage.
Selbst die Hofhistoriker mussten anerkennen, dass die Inszenierung beeindruckend war. Schließlich schafft es nicht jeder Herrscher, Geheimdienstberichte, Cyber-Legionen, Pergamentrollen, Transparenz und patriotische Fanfaren zu einem einzigen großen Spektakel zu verbinden.
Zum Abschluss trat Trumpius Caesar noch einmal vor die jubelnden Legionäre und verkündete mit erhobenem Lorbeerkranz:
"Im Reich des goldenen Adlers wird nichts verborgen bleiben – außer natürlich den wirklich geheimen Dingen."
Daraufhin applaudierten sämtliche Beamten begeistert.
Niemand wusste so genau, ob wegen der Transparenz.
Oder weil endlich einmal jemand öffentlich erklärte, dass selbst absolute Offenheit irgendwo ihre verschlossenen Aktenschränke besitzt.
Und irgendwo tief unter dem Weißen Palast schloss ein alter Archivar zufrieden einen weiteren Tresor auf – nur um anschließend feierlich ein neues Schild daran zu befestigen:
"Früher streng geheim. Heute Premium-Transparenz."

