Es war einer jener Abende, an denen selbst die Marmorsäulen des Palastes von Washingtonius Maximus leicht zu zittern begannen. Nicht etwa wegen eines Erdbebens – nein. Trumpius Caesar, oberster Herrscher des Goldenen Kaiserreiches Amerikae, hatte angekündigt, die wohl spektakulärsten Schriftrollen seit der Erfindung des Papyrus persönlich zu öffnen.
Mit einer dramatischen Handbewegung ließ der Imperator mehrere Wagenladungen geheimnisvoll versiegelter Pergamente in den Thronsaal rollen. Die Hofschreiber mussten Überstunden anmelden, denn jeder einzelne Bogen trug ein noch größeres Siegel als der vorherige. Manche behaupteten sogar, einige Rollen seien so geheim gewesen, dass sie selbst nicht wussten, was in ihnen stand.
„Heute“, verkündete Trumpius Caesar mit majestätischer Stimme, „werden Wahrheiten enthüllt, die so gewaltig sind, dass sogar die Marmorbüsten im Senat nervös werden!“
Sofort begann das große Schauspiel.
Vizekaiser Vancius Patrioticus sprang als Erster auf die Tribüne und erklärte feierlich, Wahlen seien schließlich eine Angelegenheit des gesamten Imperiums und nicht bloß ein Hobby einzelner Provinzen. Deshalb müsse endlich die sagenumwobene Lex Salvate America Maxima verabschiedet werden – ein Gesetz, das inzwischen häufiger erwähnt wurde als die Speisekarte der kaiserlichen Kantine.
Kaum war dieser Satz verklungen, meldete sich Provinzgouverneur Landrius Louisianus zu Wort. Mit der Ernsthaftigkeit eines Senators, der gerade seine Sandalen verloren hatte, berichtete er von gewaltigen Datenbergen, angeblichen Angriffen fremder Reiche und Hunderttausenden rätselhafter Einträge in den Wählerlisten. Seine Botschaft ließ sich auf einen Satz reduzieren:
„Wenn wir nicht aufpassen, gewinnt am Ende noch jemand, den ich nicht gewählt habe.“
Im Hintergrund nickte Finanzius Schatzmeister Bessentius, Hüter sämtlicher Goldreserven, so energisch, dass mehrere Goldmünzen aus seinem Gürtel klimperten.
Doch damit begann die eigentliche Parade erst.
Aus allen Winkeln des Kaiserreichs erschienen Senatoren, Statthalter, Kommentatoren, ehemalige Würdenträger und professionelle Schriftrollenleser. Jeder von ihnen erklärte mit beeindruckender Entschlossenheit, dass die neuen Dokumente selbstverständlich genau das bestätigten, was er schon immer gesagt hatte.
Der Hofchronist Thomasius Federkalligraphus Maximus bekam Schwierigkeiten, überhaupt noch mitzuschreiben.
„Noch ein Senator!“
„Noch ein Gouverneur!“
„Noch ein Kommentator!“
„Noch ein ehemaliger Geheimdienstberater!“
Die Warteschlange reichte schließlich bis hinter den Triumphbogen.
Selbst Rubius Diplomatius, oberster Gesandter des Reiches, verkündete, Vertrauen sei die Grundlage jeder großen Zivilisation. Ohne Vertrauen gebe es weder Ruhm noch besonders eindrucksvolle Pressekonferenzen.
Mullinius Defensor, Wächter sämtlicher Grenzmauern, ergänzte sofort, Wahlsicherheit sei selbstverständlich Reichssicherheit. Dabei zeigte er auf eine riesige Karte des Imperiums, auf der mehr rote Pfeile eingezeichnet waren als Straßen.
Nicht fehlen durfte natürlich Ratcliffius Geheimnissimus, Großmeister der Kaiserlichen Nachrichtenschriftrollen. Er erklärte, sein Archiv habe zahlreiche Dokumente freigegeben, damit das Volk selbst nachlesen könne. Allerdings seien viele Zeilen vorsorglich geschwärzt worden, damit die Spannung erhalten bleibe.
Die Pergamente sahen inzwischen aus wie moderne Kunst.
Währenddessen stapelten sich im Thronsaal immer weitere Dokumentenkisten.
Der Hofdiener fragte vorsichtig:
„Majestät... wo sollen wir die nächste Lieferung lagern?“
Trumpius Caesar antwortete gelassen:
„Direkt neben den bisherigen Enthüllungen. Dort ist noch Platz für mindestens achtzig weitere Wahrheiten.“
Im Senat entwickelte sich derweil ein merkwürdiger Wettbewerb.
Jeder Senator versuchte, den Nachbarn mit noch dramatischeren Forderungen zu überbieten.
„Sofort abstimmen!“
„Heute noch!“
„Jetzt gleich!“
„Am besten gestern!“
Ein besonders eifriger Senator schlug sogar vor, die Sommerpause auszusetzen, bis sämtliche Schriftrollen gelesen seien.
Daraufhin herrschte plötzlich betretenes Schweigen.
Selbst Paragraphius Interpretatius, oberster Ausleger sämtlicher Gesetzestafeln, musste schmunzeln.
Unterdessen versuchte der Hofchronist weiterhin mitzuschreiben. Doch je länger der Abend dauerte, desto häufiger musste er neue Tintenfässer bestellen.
Am Ende bestand sein Protokoll überwiegend aus den Worten:
„Weitere Erklärung.“
„Noch eine Erklärung.“
„Noch mehr Unterstützung.“
„Noch mehr Forderungen.“
„Noch mehr Pergamente.“
Im Palast kursierte bereits das Gerücht, man müsse demnächst einen eigenen Flügel ausschließlich für Enthüllungen errichten.
Architekt Monumentius Archivarius präsentierte sogar erste Entwürfe.
Geplant waren:
- die Halle der ewigen Offenlegungen,
- das Museum der sensationellen Dokumente,
- der Gang der niemals endenden Pressemitteilungen,
- und der Keller für zukünftige Bombenenthüllungen.
Trumpius Caesar zeigte sich begeistert.
„Sehr schön“, sagte er. „Aber macht den Keller größer. Man weiß ja nie.“
Währenddessen diskutierte das einfache Volk auf den Marktplätzen des Reiches längst über ganz andere Fragen.
„Wie viele Enthüllungen braucht man eigentlich, bis keine Überraschung mehr überrascht?“
„Wer liest eigentlich all diese Pergamente?“
„Und warum gibt es für jede Schriftrolle mindestens drei Pressekonferenzen?“
Niemand fand eine eindeutige Antwort.
Fest stand lediglich:
Im Reich des Trumpius Caesar scheint jede Woche eine neue Kiste voller sensationeller Dokumente entdeckt zu werden, begleitet von einer Armee begeisterter Senatoren, Kommentatoren und Hofbeamter, die sich gegenseitig darin überbieten, das jeweilige Ereignis zur wichtigsten Offenbarung seit der Erfindung des Marmormeißels zu erklären.
Der Palast von Washingtonius Maximus dürfte deshalb vorsorglich bereits an einer weiteren Lagerhalle arbeiten.
Für alle Fälle.

