Trumpius Caesar und der Feldzug gegen die wandernde Schraube
Im Goldenen Marmorsaal des Capitoliums erhob sich Imperator Trumpius Caesar Magnus Americanus, schwang sein kaiserliches Dekret wie ein frisch poliertes Gladius und verkündete mit donnernder Stimme:
„Kein Schwert der Legion soll künftig aus Schrauben bestehen, die zuvor dreimal um den Erdball gereist sind!“
Die versammelten Senatoren jubelten pflichtbewusst, während Hofchronist Thomasius Federkalligraphus Maximus hektisch versuchte, die Rede auf einer Pergamentrolle festzuhalten, die inzwischen länger war als sämtliche römischen Wasserleitungen zusammen.
Der Anlass war ernst – jedenfalls offiziell.
Trumpius hatte beschlossen, dass die gesamte militärische Versorgung des Reiches künftig möglichst aus heimischen Provinzen oder den verbündeten Königreichen stammen müsse. Schließlich könne man schwerlich das mächtigste Heer der Welt aufbauen, wenn irgendwo am anderen Ende des Globus plötzlich jemand beschließt, keine Zahnräder mehr zu verschiffen.
Der Stammbaum jeder Schraube
Doch Trumpius wäre nicht Trumpius, wenn er sich mit einer simplen Vorschrift zufriedengäbe.
Nein.
Von nun an muss praktisch jedes Bauteil eine vollständige Ahnenforschung absolvieren.
Der kleinste Bolzen soll nachweisen können:
- Aus welchem Berg sein Erz stammt.
- Welcher Schmied daraus Metall gewann.
- Wer daraus eine Schraube fertigte.
- Wer sie transportierte.
- Wer sie polierte.
- Und vermutlich auch, welches Maultier den Wagen zog.
Der neue Oberste Versorgungsfeldherr Ferrarius Materialius Maximus stöhnte bereits beim Lesen der ersten Pergamentrolle:
„Wenn das so weitergeht, bekommt jede Mutter eines Nagels noch eine eigene Geburtsurkunde.“
Die große Jagd auf den fremden Lieferanten
Besonders misstrauisch blickt Trumpius künftig auf sogenannte „unzuverlässige ausländische Lieferanten“.
Im Reich tragen sie inzwischen den wenig schmeichelhaften Titel:
Mercatores Dubiosus Externicus.
Diese Händler sollen künftig möglichst vollständig aus den Lieferketten verschwinden.
Doch ganz so einfach ist das nicht.
Denn einige Senatoren meldeten vorsichtig an:
„Majestät… manche Spezialteile werden nun einmal nur dort hergestellt.“
Trumpius antwortete trocken:
„Dann baut sie eben hier.“
„Aber das dauert Jahre.“
„Dann fangt sofort an.“
„Aber...“
„Nächstes Thema.“
Der Orden der Pergamentprüfer
Damit niemand mogeln kann, entsteht gleichzeitig eine völlig neue Eliteeinheit:
Die Legio Supplychainensis Illuminata.
Ihre Aufgabe:
Nicht kämpfen.
Nicht marschieren.
Nicht reiten.
Sondern Tabellen lesen.
Mit Hilfe magischer Rechenmaschinen, künstlicher Intelligenz und unendlich vieler Verwaltungsrollen sollen sie künftig jede Lieferkette kartieren.
Hofmathematiker Algorithmicus Digitalis präsentierte stolz eine gewaltige Karte des Reiches.
Sie zeigte:
- Erzminen
- Stahlwerke
- Schmieden
- Transporteure
- Lagerhäuser
- Händler
- Zulieferer
- Unterzulieferer
- Unter-Unterzulieferer
Nach drei Stunden fragte ein Legionär vorsichtig:
„Und wo entsteht jetzt eigentlich das Schwert?“
Niemand wusste es mehr.
Ausnahmen? Nur mit einer Wagenladung Pergamente
Natürlich gibt es Ausnahmen.
Aber dafür benötigt jeder Händler künftig einen sogenannten Mitigationsplan.
Dieses Dokument muss ungefähr folgendes erklären:
- Warum das fremde Material benutzt wurde.
- Weshalb kein heimischer Lieferant existierte.
- Welche Versuche unternommen wurden.
- Wie künftig alles verbessert wird.
- Wann sämtliche fremden Teile verschwinden.
Der durchschnittliche Antrag umfasst inzwischen ungefähr dieselbe Länge wie das römische Steuerrecht.
Hofjurist Paragraphius Interpretatius lächelte glücklich.
Endlich hatte er wieder etwas zu lesen.
Wer schummelt, bekommt Besuch
Besonders ungemütlich wird es für Händler, die mogeln.
Sollte sich herausstellen, dass jemand falsche Angaben macht oder seinen eigenen Verbesserungsplan ignoriert, dürfen sämtliche Vertragsstrafen ausgeschöpft werden.
Zusätzlich könnte sogar Toddius Blancus, Oberster Rechtsritter des Imperiums, erscheinen.
Allein sein Name sorgt bereits dafür, dass sich mehrere Lieferanten freiwillig an ihre Tabellen setzen.
Künstliche Intelligenz sucht den Flaschenhals
Trumpius setzt außerdem auf die modernsten Werkzeuge.
Künstliche Intelligenz soll künftig jede Lieferkette durchleuchten und sogenannte Schwachstellen erkennen.
Die Hofgelehrten tauften das Projekt:
Projectum Vaultus Maximus Supplychainensis.
Die KI soll herausfinden,
- wo Engpässe entstehen,
- welche Rohstoffe knapp werden,
- welche Lieferanten zu viel Macht besitzen,
- und wo das Reich gefährlich abhängig geworden ist.
Ein besonders ehrgeiziger Beamter fragte:
„Kann die KI auch den Grund finden, warum Beschaffungen immer doppelt so lange dauern?“
Daraufhin schaltete sich die KI vorsichtshalber selbst aus.
Alle sechs Monde Bericht erstatten
Damit auch wirklich niemand vergisst, wie ernst Trumpius die Sache meint, müssen künftig halbjährlich umfangreiche Berichte eingereicht werden.
Sie enthalten:
- genehmigte Ausnahmen,
- Fortschritte,
- neue Vorschriften,
- Risiken,
- Verbesserungen,
- Zeitpläne.
Thomasius Federkalligraphus Maximus bestellte daraufhin vorsorglich 14.000 neue Pergamentrollen.
Das große Finale
Am Ende seiner Ansprache blickte Trumpius Caesar zufrieden über das versammelte Reich.
„Wenn unsere Legionen marschieren“, erklärte er stolz, „dann soll jede Schraube wissen, woher sie kommt!“
Die Senatoren applaudierten.
Die Schmiede nickten.
Die Bergwerke jubelten.
Die Beamten eröffneten fünf neue Registraturen.
Und irgendwo tief im Imperium begann eine kleine unscheinbare Schraube nervös ihren vollständigen Familienstammbaum zusammenzustellen – bis zurück zum Erzbrocken ihres Urururgroßvaters.
Denn unter Trumpius Caesar genügt es längst nicht mehr, einfach nur festzuhalten.
Man muss auch nachweisen können, woher man stammt.

